Himmelreich des Barock

Die Kultur kommt aus den Klöstern

Ganz egal, ob Oberschwaben besonders fromm sind oder nicht, ihre Kultur kommt aus den Klöstern.

 Auch 200 Jahre nach ihrer Aufhebung haben die Klöster in Oberschwaben ihre Wirkung nicht verloren. Ganz offensichtlich prägen ihre Bauten das Land, sie machen die Oberschwäbische Barockstraße zum „Himmelreich auf Erden“

Die kulturelle Bedeutung der Klöster dagegen, die sich in ihren Bibliotheken verkörperte, gerät zumeist in Vergessenheit, weil sie in der Säkularisation geplündert wurden. Spätestens aber, wenn unwissende Politiker uralte Handschriften verkaufen wollen, kommt deren Herkunft aus den Klöstern wieder ins Bewusstsein.

 „Schwabe ist man von Geburt, Oberschwabe durch Gnade.“.

Unverändert und tiefgehend aber war und ist der Einfluss der Klöster auf den Menschenschlag der Oberschwaben. 

Das beginnt durchaus bei Kleinigkeiten: Wer sich zum Beispiel in der Weihnachtszeit am Laienspiel im Wirtshaus erfreut, der folgt damit der Spur der Klöster, die in ihren Schulen Musik und Theater pflegten. Es war Sebastian Sailer, ein Prämonstratenser aus Obermarchtal, der die Schöpfungsgeschichte auf Schwäbisch umschrieb und der Benediktiner Meingosus Gelle aus Weingarten vertonte die Texte. Wie Luther schaute Sailer dem Volk aufs Maul und ließ Gottvater mit den Worten beginnen:

„Nuits isch nuits, und wird nix were, drum hau i welle a Welt gebäre, grad um die Zeit, wo’s nimme schneit…

Falls Sie jetzt nichts verstanden haben: In der Gegend um Biberach wird der Dialekt heute noch gesprochen und da hilft man dann gerne mit der Übersetzung: “Nichts ist nichts und wird nichts werden, deshalb wollte ich eine Welt gebären, grad um die Zeit, wo’s nicht mehr schneit… Oberschwaben sind nämlichfreundlich und hilfsbereit und auch das ist ein Erbe der Klöster, in denen nicht nur Gottesfurcht, sondern vor allem Freude und Liebe gepredigt und gelebt wurde Wenn etwa über dem Eingang zur Basilika in Weingarten „Alles zur höheren Ehre Gottes“ steht, dann galt das gerade für das Volk, denn die Kirche stand allen offen. Musik und festliche Gottesdienste ließen das Leben für alle zum Fest werden. Die Säkularisation zerstörte diese Kultur und es dauerte es eine ganze Generation, bis sich aus den klösterlichen Wurzeln die ersten Musikkapellen bildeten, die seit dem jedem Fest Glanz verleihen.

Von Ackerbau und Viehzucht bis zur Theologie.

Im Ursprung der Klöster aber ging es weniger um Glanz, als vielmehr um das blanke Überleben: Die Mönche kultivierten vor 1000 Jahren das Land im wörtlichen Sinn: Sie rodeten nicht nur die Wildnis, sondern sie gaben ihr Wissen dann auch an die Bauern weiter. Sie führten neue und effektive Methoden des Ackerbaus ein und sie entwickelten in den Klöstern alle Sparten des Handwerks, vom Maurer über den Schreiner bis zum Schmied. Immer noch lässt sich an alten Bauernhäusern erkennen, ob sie im Klosterland standen – und gut gebaut waren – oder ob etwa ein weltlicher Landesherr seine Leute sich selber überließ. Nicht zuletzt aber vermittelten die Klöster christliche Werte, deren letzte Spuren als Anstand und Respekt im tägliche Umgang immer noch aufleuchten.

 „Unterm Krummstab (= Abtsstab) ist gut leben“

Die Äbte der Klöster waren zwar Landesherren, die von ihren Untertanen den berühmten „Zehnten“ in Naturlaien einzogen, woran heute noch die „Zehntscheuern“ erinnern, aber sie hielten sich auch an das Gebot der christlichen Nächstenliebe, was man von den weltlichen Fürsten zumeist nicht sagen konnte. Arme durften immer an die Klosterpforte klopfen, auch Apotheke und Krankenstation standen allen offen. So bildeten die Klöster wirklich die letzte Zuflucht, wenn die Städte ihre Tore vor der Not verschlossen. Vor allem aber bedeutete der Bau der großen Barockklöster für die Region geradezu eine Art von „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, denn die Handwerker und Hilfskräfte wurden bezahlt. Unbezahlte Frondienste mussten süddeutsche Bauern nur an 3-10 Tagen im Jahr leisten, im Osten dagegen an bis zu 100 Tagen.

  im Vergleich mit dem Regiment weltlicher Fürsten hatten die „Klosterleute“ viele Vorteile. Dazu gehörte auch, dass die Männer nicht fürchten mussten, zum Militär gezwungen zu werden, weil die Klöster kein Heer unterhielten. Ein weiterer Grund

kommt hinzu: Die Klöster besetzten nämlich im 18. Jahrhundert das Amt des Abtes mit besonders fähigen Söhnen von Handwerkern und Stadtbürgern. Das war damals - als jeder in den Grenzen seines Standes gefangen blieb - die einzige Möglichkeit, durch Leistung nach oben zu kommen. Ein Abt, auch wenn er ein Bauernbub war, besaß kraft Amtes den gleichen Rang wie ein Graf. Andrerseits wussten diese Äbte ganz genau, was das Volk brauchte und weil sie oft auch die Söhne von Wirten waren, sorgten sie für die menschenfreundliche Verbindung von Kirche und Wirtshaus mitten im Ort.

 

Und wenn in diesen Wirtschaften ein halbwegs „g’scheiter“ Wein und ein süffiges Bier ausgeschenkt wird, dann haben auch hier die Klöster die Basis geschaffen. Schon vor 1000 Jahren importierten sie den Blauburgunder aus Italien oder Frankreich. Während man aber dort den Wein in flachen Lagen anbaute, gingen die Mönche nördlich der Alpen in die Hanglagen. Das war zwar mühsam, bot aber im raueren Klima mehr Möglichkeiten. Bier brauten unsere Vorfahren, die Germanen, sicher schon, aber in den Klöstern kultivierte man das Getränk. In dieser Tradition schuf das Kloster Schussenried den ersten öffentlichen Lehrgang für Bierbrauer.

Wie unser Essen ohne die Klöster schmecken würde, kann man sich nur mit Grausen vorstellen,. Die Alamannen rührten ihren Brei zusammen, mit dem Gemüse und Obst der Römer konnten sie nichts anfangen, ganz zu schweigen von den Gewürzen. Diese ganze Kultur belebten die Klöster aufs Neue. Zusätzlich entwickelten sie mit den fleischlosen Fastenspeisen ganz neue Fisch- und Mehlspeisen. Erinnert sei nur an die berühmten „Nonnenfürzle“, bei deren Namen es sich aber um einen Hörfehler handelt: Eigentlich hießen sie „Nonnenfüßle“, aber die anrüchige Variante hat sich durchgesetzt.

 

Helga Müller-Schnepper

Erstmals erschienen im Oberschwaben-Magazin 2007

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Quellen: MG(HM) © 11/2015 (02/2013)

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