Himmelreich des Barock

Blutritt in Weingarten

Jedes Jahr am Freitag nach Christi Himmelfahrt treffen sich in Weingarten bei Ravensburg annähernd 3.000 Reiter und 30.000 Pilger und Zuschauer zur größten Reiterprozession Europas.

Das Wichtigste vorab: Der Blutritt in Weingarten ist zwar die größte Reiterprozession Europas und er endet immer als Volksfest - aber er ist kein Umzug wie in der Fasnet, sondern eine Prozession im Rahmen einer Wallfahrt. Deren Höhepunkt ist der Segen des Heiligen Blutes, den der „Heilig-Blut-Reiter" für „Haus, Hof und Felder" spendet.

Die Reiter nehmen dafür lange Anfahrtswege auf sich, bis hin zum 160 km entfernten Ellwangen. Diese Distanz ist natürlich erst möglich, seit Ross und Reiter in Transportern ankommen und in frei geräumten Fabrikhallen und Parkhäusern übernachten. Der Blutritt startet um 7.00 an der Basilika, wobei sich die 100 Reitergruppen und ihre Musikkapellen nach einem genauen Plan innerhalb der Stadt einreihen.

In der Prozessionsaufstellung besteht eine Blutreitergruppe aus drei Teilen: Vorneweg die Musikkapelle mit den Standartenreitern, dann der Herr Pfarrer im Kirchengewand, gefolgt von prächtig herausgeputzten Ministranten und Ministrantinnen und zuletzt die Blutreitergruppe. Die Musikkapellen verlassen die Prozession am Ortsende. Danach ziehen die Reiter betend durch die Fluren rund um Weingarten.

Ein Zugeständnis an die neuen Zeiten sind die Ministrantinnen, die den gleichen Kirchendienst versehen wie ihre männlichen Kollegen, die Ministranten. Deshalb sind sie die einzigen weiblichen Teilnehmer des Blutritts, der ansonsten eine reine Männerwallfahrt ist und das seit mehr als 500 Jahren.

Die erste Erwähnung von 1529 spricht bereits von einem Brauch „von alther". In den vielen Kriegszeiten musste der Blutritt verständlicherweise ausfallen. Verboten aber wurde er in seiner langen Geschichte nur ein einziges Mal und zwar durch die katholische Kirche selbst, weil sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Reliquien und Prozessionen nur finsteren Aberglauben sah. Als die bockigen Oberschwaben jedoch einfach weitermachten, suchte das Bistum Unterstützung bei den neuen weltlichen Herren, die das Kloster nach der Säkularisation besaßen. Seit 1806 gehörte es zum Königreich Württemberg, das zwar streng durchgriff, aber einsehen musste, dass die Wallfahrt nicht abzuschaffen war. Reiter blieben zwar verboten, eine Prozession zu Fuß aber wurde erlaubt. Über den Umweg von neu gegründeten Bürgergarden entstand dennoch wieder eine Reiterprozession, an der Privatpersonen jedoch erst ab 1849 wieder teilnehmen durften.

Diese Reiter kamen in ihrem bürgerlichen Festanzug, mit Frack und Zylinder, woraus sich die bis heute gültige Kleidung der Blutreiter entwickelte, die noch durch eine Schärpe ergänzt wird. Die typischen Blutreiterstandarten mit dem Querarm stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Seit dem Neubeginn nach dem zweiten Weltkrieg gibt es innerhalb der Prozession keine Rangordnung. Weingarten und der Heilig-Blut-Reiter reiten etwa in der Mitte und alle anderen Orte treten alphabetisch an, wobei jedes Jahr der Anfangsbuchstabe wechselt. Beeindruckend ist die Treue der Blutreiter, feiern doch nicht wenige ihr 60-jähriges Jubiläum.

Anlass war und ist die Heiligblutreliquie, die seit mehr als 900 Jahren in Weingarten verwahrt wird. 1094 vermachte sie Judith von Flandern, die Gemahlin Welfs IV., dem Kloster, in dem sie auch beerdigt liegt. Nach gläubigem Verständnis enthält die Reliquie einen mit Erde vermischten Blutstropfen Jesu Christi. Dieser Blutstropfen soll von einem römischen Legionär aufgefangen worden sein, der später als der Heilige Longinus bekannt wurde. Mit seinen Gebeinen war die Reliquie nach Mantua gekommen, wo der Weingartner Teil abgetrennt wurde. Seit 1998 belebt die Städtepartnerschaft Weingarten - Mantua diese historische Verbindung, weshalb eine Delegation aus Mantua inzwischen auch am Blutritt teilnimmt.

Weil das Heilige Blut der Legende nach am Freitag nach Christi Himmelfahrt übergeben wurde, gilt dieser Tag seither als „Blutfreitag" mit seinem „Blutritt". So lange das Kloster Weingarten bestand, war der„Heilig-Blut-Reiter" immer ein Mönch. Aber das muss nicht sein. Von der Säkularisation bis zur Neugründung 1922 trugen Pfarrer die Reliquie und seit der Schließung des Klosters von 2010 ist das wieder der Fall.

Die Weingartner Reliquie selbst ist klein, ein 35 Millimeter langes und zwei Millimeter breites Stäbchen. Auch andere Orte, wie etwa die Reichenau, besitzen eine Heilig-Blut-Reliquie, absolut einmalig aber ist das Weingartner Gefäß, das „Reliquar". 800 Jahre lang hat es sein Grundform über alle Neufassungen hinweg bewahrt. Für die Zeitgenossen war seine Form im weltlichen und kirchlichen Sinn von höchstem Rang. Sie verweist nämlich auf die Kaiserkrone des „Heiligen Römischen Reiches", die in der Vorstellung des Mittelalters eine weltliche Reliquie war, weshalb sich ihre Form geradezu anbot, um die höchste aller christlichen Reliquien zu ummanteln. Als das Gefäß Anfang des 13. Jahrhunderts entstand, war die Krone nah. Sie wurde damals auf der Waldburg bei Ravensburg verwahrt, wo sie die Mönche aus dem Kloster Weissenau bewachten und verehrten.

Das Reliquar besteht eigentlich aus zwei Teilen: Einem hufeisenförmigen Bergkristall mit der Reliquie im Zentrum und einem goldenen, mit Edelsteinen besetzten Doppelkreuz als Rahmen. Das derzeitige Reliquiar wurde 1956 angefertigt. Beim Blutritt wird es durch eine Kette mit drei Ringen an der Hand des Heilig-Blut-Reiters gesichert.

Moderne Menschen tun sich schwer mit dem Glauben an die Echtheit der Reliquie. Historisch gesichert aber ist ihre lebensrettende Wirkung: Als im 16. Jahrhundert beispielsweise in Ravensburg die Hexen brannten, gab es im Umfeld von Weingarten kaum Prozesse. Dort vertraute man auf den Schutz und Segen des Heiligen Blutes.

Helga Müller-Schnepper

erstmals erschienen im Oberschwaben-Magazin

Foto Andreas Praefcke


Quellen: MG(HM) © 09/2014 (06/2013)

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