Himmelreich des Barock

Von Adlern, Ochsen und Löwen - Oberschwäbische Wirtshausnamen

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Den Pilgern und Fernhändlern des Mittelalters verdanken wir unsere Wirtshausnamen. Herbergen mussten zur Verköstigung und Nächtigung parat sein. Ursprünglich erledigten die Spitäler diese Aufgaben, seit Ausweitung des europäischen Fernhandels wuchsen dann die Gasthäuser wie Pilze aus dem Boden. Da beide Gruppen unterwegs waren, benannte man die Unterkünfte nach Heiligen, die irgend etwas mit dem Reisen zu tun hatten. So erklären sich die Namen der hl. Dreikönige, ihreKroneundderMohren.Kaspar, Melchior und Balthasar suchten das Heil wie die Pilger auch.

Der Stern(en) wies ihnen den Weg. Und der Ochse an der weihnachtlichen Krippe passt scheinbar dazu. Wo aber ist der Esel?

Das ist eine weitere Sache: Nicht die Namen der Heiligen wurden verwendet sondern ihre Attribute. Für den mittelalterlichen Menschen waren sie nämlich aussagekräftiger als der Name.

Diese Symbole bilden den Grundstock der Wirtshausnamen. Der Löwe steht für den Evangelisten Markus, der Ochse für Lukas, der Engel für Matthäus und der Adler für Johannes. Sie zeigen in ihren Evangelien den richtigen Weg.

Das Kreuz und die Sonne sind Christussymbole (vgl. „Sonntag“). Ihr Antipode, der Mond, der freilich hier im Unterschied zu den Alpenregionen selten vorkommt, soll „Bestand haben vor Gott, der Mond, der verlässliche Zeuge über den Wolken“ (nach Psalm 89).

An Wallfahrer erinnert der Grüne Baum, der als Wanderstab des

hl. Christophorus gedeutet wird und bekanntlich zu grünen anfing, als er das Jesuskind auf seinen Schultern über den Fluss trug. Heute ist Christophorus Patron der Autofahrer.

Die Roseist unter anderem Symbol der hl. Maria. Wir finden die Rose überall dort, wo sich ein Marienpatrozinium befindet oder sich der Ort unter den Schutz Mariens stellte, z. B. in Waldsee. Allerdings ist die Rose hier dem Gasthaussterben längst geopfert worden. Dagegen blüht die Rose in Wuchzenhofen bei Leutkirch, in Leupolz bei Wangen oder in Alttann bei Wolfegg. Dort treffen sich heute die Freunde des Motorrads und huldigen Honda oder Guzzy, vielleicht auch der einen oder anderen Maria…

Der Bär gilt als Verkörperung der Trägheit und der Wollust und steht als Gegenpol zum frommen Lamm oder Ochsen. Bei diesem letzten Beispiel wird deutlich, dass ein Gasthausname mehrfach gedeutet werden kann. Der Ochse als frommes Tier - oder Attribut des hl. Lukas. Dies gilt ebenso für den Adler: einmal Symbol des hl. Johannes, ein andermal als das Wappentier der zuständigen Herrschaft. In Oberschwaben, wo sich viele versprengte Gebiete Schwäbisch Österreichs befanden, muss man also immer nachprüfen, ob der entsprechende Ort tatsächlich zu Vorderösterreich gehört hat oder nicht. Am besten lässt sich dies am Adler in Gaisbeuren nachvollziehen: Dort ist es der österreichische Doppeladler, weil die Wirtschaft seit spätestens 1481 als Bannwirtschaft der Herrschaft Österreich nachzuweisen ist. Bannwirtschaft bedeutet, dass nur hier Recht gesprochen werden konnte, das Gasthaus war verlängerter Arm der Regierung.

Am 31.7.1653 erhielt die Stadt (Bad) Waldsee das Recht in Gaisbeuren im Adler eine Nebenzollstation einzurichten. Da die Fuhrleute meist Schwaben waren, also auf Heller und Pfennig achteten, umfuhren sie oft die Stadt um Maut und Zoll zu sparen. Also wurde drei Kilometer vor Waldsee in Gaisbeuren eine Zollstation errichtet um den Missstand zu beheben. Wegen des Doppeladlers wusste jetzt jeder Fuhrmann, hier beginnt Österreich, hier muss man „blechen“. Ein Umfahren der Stadt war wegen eines Rieds und der Wälder topografisch nicht mehr möglich.

So auch beim Löwen. Es muss nicht das Attribut des hl. Markus sein, sondern kann sich auch auf das Wappentier des Territoriums beziehen, z. B. beim Löwen in Michelwinnaden, das zum Kloster Schussenried mit seinem Löwenwappen gehörte oder beim Bären, dem Hoheitszeichen des Klosters St.Gallen.

Natürlich sind diese Bezüge in neuerer Zeit oft vergessen worden und so kann auch ein Löwe in einer Gemeinde auftauchen, die nicht mit Markus oder einer entsprechenden Herrschaft zu tun hat. Der Name gefiel halt.

So könnte es auch bei einem Engelgewesen sein, obwohl im Hebräerbrief der Bibel eindeutig ein religiöser Zusammenhang zu finden ist: „Die Gastfreundschaft vergesst nicht, denn durch diese haben einige ohne es zu wissen Engel beherbergt.“

Auch der seltene Pelikan ist christlichen Ursprungs. Gleich wie er sich seinen Hals aufschlitzt um die Jungen vor dem Hungertod zu bewahren, beschützt uns Christus vor dem Untergang.

Das Rösslesoll als Symbol für die Kirche auf die Himmelfahrt und den Heiligen Geist hinweisen aber auch auf den hl. Leonhard, den Patron der Fuhrleute. So war anno dazumal in Waldsee das Rössle ihre Absteige.

Der Hirsch, besser als „Hirschen“ mit dem alten Dativ bezeichnet, zeigt auf den hl. Hubertus als Patron der Jäger aber auch auf die biblische Quelle „Wie ein Hirsch verlangt nach Wasserquellen, so verlangt meine Seele nach dir, Gott!“

Wie wir schon bei der Wappensymbolik gesehen haben, ist ein Großteil der Gasthofnamen rein weltlichen Ursprungs.

Noch bis in die frühe Neuzeit hinein, im 16. und 17. Jahrhundert, hatten die Mitglieder der städtischen und dörflichen Genossenschaft das Recht ihre Streitigkeiten und Probleme selbst zu schlichten.

Unter einem Baum, meist einer Linde, traf sie sich um die Fälle zu bereden. Wichtig dabei war das gemeinsame Essen und Trinken, das sollte die Verbindlichkeit bekräftigen, wie das auch heute noch in den so genannten Arbeitsessen gesehen werden kann.

Bedingt durch das Anwachsen der Bevölkerung, somit der Klagfälle, und bedingt durch klimatische Unzulänglichkeiten, verlegte man die Sitzungen in ein Wirtshaus, dort wurde die Gerichtsstube eingerichtet ( noch heute gut zu erkennen in Damüls, Großholzleute, Hüttenreute). Konsequenterweise gaben sich die Wirtschaften Namen wie Linde, Grüner Baumoder im Österreichischen Adler.


Quellen: Michael Barczyk, MG(KB) © 05/2017 (04/2013)

Weitere Informationen:

Woher kommt der Wilde Mann?Dieses Gasthaus befindet sich immer außerhalb der Stadtmauern (Meersburg, Bad Waldsee). Die wilden Männer sind behaart, mit Keulen in der Hand. Sind dies Hinweise auf etwaige heidnische in Wäldern lebende Ureinwohner, zumindest die Erinnerung daran?

Geschichte geht nicht spurlos vorüber, oder hält im Mittelalter an.

Auch die jüngere Zeit lässt Spuren zurück, als Beispiele werden die Reichsdose,Gemeinde Amtzell,und die Wacht am Rhein vorgestellt.

Im neu gegründeten zweiten Deutschen Reich von 1871 spielte Preußen als Vorposten der Verteidigung gegen den „Erbfeind“ Frankreich im Rheinland eine übergeordnete Rolle. Preußen war die Wacht am Rhein. Nach der Reichsgründung erlebte Deutschland eine Blütezeit des Patriotismus und Nationalismus. Die Begeisterung für Preußen schwappte bis nach Oberschwaben. Nicht nur die Wacht am Rhein, auch der Preußische Hof, der Deutsche Kaiser und die Krone stammen aus jener Zeit. Und wieder heißt es aufgepasst, stammt die Krone aus der wilhelminischen Kaiserzeit oder ist sie eine alte Herberge, benannt nach der Krone der hl. Dreikönige?

Kurios ist die Deutung der inzwischen geschlossenen Reichsdose in Moosing, Gemeinde Amtzell. Zusammen mit dem damaligen Wirt ließen Schnupffreunde eine große, schwarz lackierte Schnupftabakdose anfertigen, auf der in goldenen Lettern prangte: „Reichs-Dose – Wohl thun ist des Schnupfers Wille“. Nach einer anderen Überlieferung sollen die Straßenbauarbeiter der Reichsstraße Ravensburg – Wangen eine Spardose, die Reichsdose, auf den Stammtisch gestellt haben um damit den Nachschub an Schnupftabak zu gewährleisten.

Viele andere Namen jüngeren Datums verweisen auf Lage oder Nutzung; sie sind wenig spektakulär und leicht zu erklären: Bräuhaus, Bahnhof, Grenze, Mühle, Schützen, Riedstuben oder Zollhaus.

Noch jünger sind die Namen, die aus touristischen Gründen gefunden wurden. Obwohl manchmal abenteuerlich anmutend in diesem Landstrich, z. B. Beichtstuhl, Edelweiß oder Schinderhannes, sprechen sie mich als Historiker nicht an. Ich finde sie im Verbund mit der Frohen Aussicht, dem Alpen-,Allgäublick oder den diversen Besen schlicht fad.

Schlimmer allerdings ist die Manie ausländischer Gastwirte alte hergebrachte Wirtshausbezeichnungen einfach – ohne historisches Gefühl – durch „passende“ zu ersetzen, aus dem Ratskeller wird ein Thai-Restaurant, aus dem Hirschen ein Vesuvio. Zwei Beispiele von Dutzenden.

Beschließen wir die kleine Namenkunde mit einem Beispiel, das ob seiner unfasslichen Plattheit nicht weiter erläutert zu werden braucht, das Restaurant „Zur Barockkirche“ in Steinhausen bei Bad Schussenried.

Inzwischen ist es verschwunden, aus Scham?

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