Himmelreich des Barock

Hermann der Lahme

Er war Mönch im Kloster Reichenau. Im Jahr 1013 geboren, verehrten ihn die Zeitgnossen als Mathematiker, Astronomen und Komponisten. Im Bibliotheksfresko von Schussenried hat er einen Ehrenplatz

 Sein "Salve Regina" wird heute noch gesungen

Wenn Kinder auf der Insel Reichenau nicht einschlafen können, dann summt ihnen die Mutter das „Salve Regina“ vor, ein Lied, das Hermann der Lahme vor fast tausend Jahren komponiert hat. Verbürgt ist diese Sitte für die Sängerinnen des Kirchenchores, denn der führt diesen alten Lobgesang der Mönche heute noch an hohen Festtagen auf. Inzwischen ist man sich sicher, dass die meisten Strophen tatsächlich von Hermann stammen, die Notenschrift dagegen hat er wohl von älteren Gesängen übernommen.

Schwerst behindert und hochbegabt

Das Schicksal Hermanns führt in die frühe Zeit der Ritter und Mönche. Am 18.7.1013 geboren, war Hermann eines von vierzehn Kindern eines Grafen aus Altshausen in Oberschwaben. Ritter konnte er aber nicht werden, denn ein Geburtsfehler oder die Kinderlähmung hatten ihn schwer behindert. „Seine Glieder waren auf so grausame Weise versteift, dass er sich von der Stelle, an die man ihn setzte nicht einmal auf die andere Seite drehen konnte. .. auch an Mund, Zunge und Lippen war er gelähmt“ schreibt ein Zeitgenosse, um dann bewundernd fortzufahren: „Keiner verstand wie er, Uhren zu machen, Musikinstrumente zu bauen, mechanische Arbeiten auszuführen.“ Spätere Biographen erzählten die Legende, dass Hermann auf einer verzweifelten Pilgerreise nach Rom, wo er Heilung von seiner Krankheit erhoffte, eine Vision hatte. Ein Engel fragte ihn, ob er lieber völlige Gesundheit oder große Weisheit erlangen wolle und Hermann entschied sich für die Weisheit. In unsere Vorstellung übertragen, heißt das wohl, dass er sein Leiden bewusst annahm und daraus die Kraft für seinen unbändigen Tatendrang schöpfte.

Nur im Kloster konnte er überleben.

Die Möglichkeit dazu erhielt Hermann durch eine Sonderform des Mönchtums, das es nur im Hochmittelalter gab: Er war „Oblate“. Seine Eltern hatten ihn mit sieben Jahren dem Kloster Reichenau sozusagen „geschenkt“. Im Weltbild des Mittelalters war es durchaus gängig, dass die Eltern über das Leben der Kinder bestimmten und im Fall von Hermann war ein Kloster die beste Wahl. Nur dort konnte er einerseits die nötige medizinische Versorgung erhalten und andrerseits auch die intellektuelle Förderung, die ihm entsprach. Hermann nutzte seine Chance und wir profitieren heute noch davon:

Die vielen Dichtungen in lateinischer Sprache, in denen Hermann die Heiligen und Maria rühmte - und dafür auch selbst gerühmt wurde – sind uns heute meist fremd und unzugänglich. Dagegen können wir auf der Reichenau noch heute einen Anblick genießen, den Hermann in seiner Kaiserchronik schildert. Es handelt sich um das Westwerk, die so genannte „Markuskirche“ des Münsters, die sich tatsächlich seit 1000 Jahren nicht verändert hat:. Von deren Einweihung schreibt Hermann 1048: „Und der Kaiser betrat unsere Reichenau und ließ am 24. April die neue Kirche des heiligen Evangelisten Markus, unseres Schutzheiligen, die von Abt Berno erbaut worden war, in seiner Gegenwart vom Konstanzer Bischof Dietrich weihen.“

Wenige Jahre später, am 24.9.1054 starb Hermann im Kloster Reichenau. Beerdigt wurde er nicht im Kloster, sondern neben seiner Mutter in der Kirche von Altshausen bei Ravensburg.

Helga Müller-Schnepper

erschienen erstmals im Bodensee-Magazin

 

 


Quellen: MG(HM) © 09/2014 (06/2013)

Weitere Informationen:

Deckenfresko im Kloster Schussenried zeigt Hermannus Contractus

Schöpfer unserer Zeitrechnung

Wenn wir heute die Jahrtausende in die Zeit vor und nach Christi Geburt einteilen, geht diese Zeitrechnung auf Hermann zurück. Er schrieb eine Kaiserchronik und sortierte dabei die Geschichte von 82 römischen, byzantinischen und deutschen Kaisern bis ins Jahr 1000 erstmals nach Jahreszahlen. Zuvor hatte man sich immer an Ereignissen orientiert, die bald niemand mehr zuordnen konnte, wie beispielsweise bei der Geburt Christi, wo es heißt: „zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war“.

Wahrscheinlich erkannten die Zeitgenossen die Tragweite dieser neuen Ordnung noch gar nicht. Sie schätzten und rühmten Hermann für andere Leistungen, die ihnen auch unmittelbar nützten. Dazu gehörten etwa Listen zur Bruchrechnung, die Hermann nach Hunderten von Jahren in Anlehnung an die Antike wieder neu belebte – und die in weiten Teilen der Welt erst in den letzten zwanzig Jahren durch den Taschenrechner überholt wurden.

Desgleichen konstruierte Hermann ein Astrolabium, mit dem man den Lauf der Sterne berechnen konnte, das er aber vor allem als Uhr einsetzte. Nun konnten die Mönche, die zuvor nur Sand- und Wasseruhren besessen hatten, die .Zeiten ihrer Chorgebete auch in der Nacht genau zu bestimmen. Auf diese Leistung verweist die Darstellung Hermanns im großen Deckenfresko des Bibliothekssaales von Kloster Schussenried, wo er mit einem Globus abgebildet ist.

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